Ein hervorragendes Glas für den schmalen Geldbeutel, absoluter Kauftipp!
Kundenrezension von
Lutz Reißland
am 12.01.2012 17:21:31
Vor ca. 10 Tagen bekam ich eine Fernglas des Modells Omegon Fernglas Nature HD 10x42 in die Hände, um es einer Bewertung zu unterziehen.
Durch meine jahrzehntelange Tätigkeit in der Ornithologie bin ich schon in frühester Jugend auf Ferngläser angewiesen gewesen und man hat sich mit den Jahren Kenntnisse und Erfahrungen um diese wichtigen Hilfsmittel angeeignet um zu wissen, was ein für den Ornithologen geeignetes oder weniger geeignetes Glas oder gar ein schlechtes Glas ist. Dabei sollten wir immer daran denken, je älter wir werden, desto mehr lässt unsere Sehkraft nach und so besser muss die Optik sein, deren wir uns bedienen, hier an Qualität zu sparen ist genau der falsche Weg ! Auch die Meinung, wie ich sie schon oft gehört habe:“ ich benutze noch mein altes .....Fernglas von... das tut es schon seit über 30 Jahren...“ Tja, vor 30 Jahren waren meine Augen auch noch besser, brauchte noch keine Brille und es gab damals auch noch keine wasserdichten High-End-Ferngläser mit Fluoritlinsen ! Diesen Standpunkt sollte jeder mal für sich überdenken!
Aber Qualität muß nicht immer an einige „Nobel“marken gekoppelt sein und auch nicht immer teuer sein!
Für mich wichtige Kriterien für ein Fernglas, welches mein Begleiter zum Natur- und Vogelbeobachten ist, sind folgende:
Super-Optik: die optische Leistungsfähigkeit eines Glases kann nie gut genug sein, Auflösung, Helligkeit, Schärfe und Brillanz sind wichtige Kriterien, um auch noch unter grenzwertigen Bedingungen wie Gegenlicht, Dämmerung, Starkregen etc. etwas erkennen zu können, am Tage die Sonne im Rücken sind (fast) alle Gläser gut, die Stunde der Wahrheit kommt, wenn genannte Bedingungen eintreten, spätestens hier trennt sich die Spreu vom Weizen.
Ich denke, hier wird man nicht mehr um fluoridhaltige Linsen und Supervergütungen herumkommen.
Solide Verarbeitung: Ein Fernglas muß so verarbeitet sein, daß die Linsen und Prismen ordentlich eingeschraubt sind, sich nicht selbstständig verrücken können. Bei einem Fernglas für Leute, die manchmal unter härtesten Bedingungen draussen unterwegs sind, muß das Glas unter allen Bedingungen funktionieren, der Mitteltrieb muß sich leicht drehen lassen, egal ob es 45 ° C Plus oder Minus sind. Es muß auch Stöße aushalten können, wie schnell ist es mal passiert, man stürzt im Gelände, das Fernglas schlägt auf und sollte danach noch funktionieren!
Auch ist es für mich zu einer Selbstverständlichkeit geworden, das Ferngläser wasserdicht (bis mind 5 m Tiefe) sein sollten und gegen evtl. Beschlagen von innen eine Gasfüllung (hier meist Stickstoff oder Argon) haben sollten.
Wer einmal wie ich mit einem Porro-Prismenglas in Afrika in einen Starkregen gekommen ist, so daß ich das Glas 2 Tage in die Sonne legen musste, damit die Feuchtigkeit wieder verschwindet, weiß wovon ich rede. Nie wieder würde ich mir ein Glas antun, welches diese Anforderung nicht erfüllt !
Handling: Wenn man den ganzen Tag unterwegs ist, möchte man nicht einen Klopper von 1 kg oder mehr Gewicht um den Hals tragen. Für mich gilt, je leichter, desto besser, Nun argumentieren einige Beobachter, je leichter desto mehr Verwackelungen-nein, dem kann man durch einen kleinen Trick, beim Schauen - Daumen an der Wange anlehnen – entgegenwirken.
Die Fokussierung sollte leichtgängig aber nicht zu leicht sein, damit sich der eingestellte Wert nicht von selbst verstellt. Auch sollte der Hub, also die Drehung von Anschlag zu Anschlag sich zwischen 0,45 und 1,5 Umdrehungen bewegen, nicht darunter, da muß man zu oft fein nachjustieren, nicht darüber, denn sonst ist man nur mit schrauben beschäftigt und der Vogel ist schon weg.
Der Mitteltrieb sollte auch noch dann gut funktionieren, wenn man diesen mit Handschuhen bedient.
Um die Augenmuscheln für das Sehen mit oder ohne Brille anzupassen, sollten diese in leicht aber zuverlässig rastenden Stufen hochdrehbar sein was aus meiner Sicht besser ist als dieses Rausziehen und Reindrücken, wie es z.B. bei meinem Leica 10x32 ist. Auch diese Einstellung sollte sich nicht von selbst durch Erschütterung beim Laufen etc. verstellen können.
Vergrößerung: Für den Freihandbereich sind Vergrößerungen zwischen 7-12 fach o.k. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens immer mit 10facher Vergrößerung gearbeitet, für mich ein vernünftiger Kompromiss zwischen zu geringer Vergrößerung ( wo man Details vielleicht noch nicht erkennen kann) und zu großer Vergrößerung, wo dann die Schere zwischen Verwackeln, Sehfeld und Lichtstärke kommt.
Sehfeld: Klar, je mehr ein optisches System vergrößert, desto kleiner wird der Bildausschnitt (Sehfeld). Nun haben wir es beim Vogelbeobachten mit schnellen Flugobjekten zu tun, die schnell mal Richtung, Geschwindigkeit, Entfernung etc. wechseln und da möchte man gut hinterherkommen. Da erleichteret auch dem geübten Beobachter ein großes Sehfeld die Arbeit.
Auch bei Ferngläsern mit 10-facher Vergrößerung haben es einige Hersteller schon auf ein Sehfeld von 120m/1000 m oder etwas mehr gebracht.
Für meinen Geschmack sollte das Sehfeld bei einem Fernglas mit 10-facher Vergrößerung und ab 32 mm Objektivdurchmesser mind. 110 m/1000 m betragen.
Nahbereich: Viele meinen, ein Fernglas nutzt man für die Ferne und für die Nähe sieht man die Dinge auch mit bloßem Auge, das ist nur bedingt richtig.
Wer schon einmal in die Verlegenheit gekommen ist, einen kleinen Vogel wie ein Goldhähnchen oder einen Kolibri aus kurzer Distanz beobachten zu können, der wird dankbar sein, wenn das Glas auch in der Nähe arbeitet. Oder man kommt in eine Situation, ein kleiner Vogel sitzt in einem Busch, mit bloßem Auge kann man nicht alle Merkmale sehen, habe ich eine Fernglas, was bei 2 m oder darunter arbeitet, kann ich unter einer solchen Spezialsituation das Glas immer noch einsetzen, geht das Glas erst bei 4 m oder darüber los, muß ich zurücktreten und sehen dann nur noch einen grünen Busch.
Auch bei der Beobachtung von anderen Kleinlebewesen wie Insekten ist ein guter Nahbereich sehr hilfreich. Mein Fazit: eine Fernglas für einen Ornithologen sollte mindestens bei einer Entfernung zum Objekt von 2 m noch arbeiten, darunter besser, darüber schlechter.
Dämmerungsleistung:
Wenn ich ein Fernglas mit großer Vergrößerung, geringen Abmessungen, kleinem Nahbereich und großem Sehfeld und größer Dämmerungsleistung bei gleichzeitig geringem Gewicht haben möchte, dann muß die Physik nochmals neu erfunden werden oder ich muß in eine andere Galaxie umziehen, die eierlegende Wolfsmilchsau gibt es leider noch nicht !
Als Ornithologe muß ich überlegen, zu wieviel Prozent meiner Beobachtungszeit bin ich bei Tage unterwegs und zu wieviel Prozent in der Dämmerung oder gar nachts.
Klar, wenn ich hauptsächlich wegen Eulen und anderen nachtaktiven Tiere unterwegs bin, dann brauche ich ein Glas mit einer hohen Dämmerungsleistung, sprich möglichst kleinerer Vergrößerung und großem Objektivdurchmesser, meist liegen diese Gläser dann deutlich über 1 kg.
Wenn ich aber 90% oder mehr meiner Zeit bei Tage beobachte, dann reichen Ferngläser mit einem Objektivdurchmesser zwischen 30 und 43 mm voll aus.
Es empfiehlt sich dann, für die Dämmerung ein zweites, anders bemessenes Glas in Reserve zu haben.
Porro- oder Dachkantprismengläser: Das ist eine Glaubensfrage. Den einzigen Vorteil, den ich beim Porroprismenglas sehe ist, daß das Bild durch die weiter außen liegenden Objektive etwas räumlicher wirkt. Ansonsten sind diese meist unhandlicher, schwerer und haben bei den Mitteltriebgläsern meist ein Dichtigkeitsproblem als vergleichbare Dachkantprismengläser, ich habe mich für Dachkantprismengläser entschieden.
Nun zu dem Omegon Fernglas Nature HD 10x42:
Das Glas macht auf den ersten Eindruck erst einmal einen sehr guten Eindruck, kompakte Bauweise , geringes Gewicht, Superhandling, leicht fokussierbar. Die Verarbeitung macht auch einen ordentlichen Eindruck, leicht, fest, robust und funktional, ohne unnötigen Schnickschnack. Auch die hochdrehbaren Augenmuscheln funktionieren einwandfrei. Regenschutzdeckel für das Okular und Schutzkappen für das Objektiv ergänzen die Ausstattung, auch gibt es neben dem Tragegurt einen festen Aufbewahrungsbehälter dazu.
Allerdings sind die Schutzkappen für die Objektive nur mit Gummis an denselben befestigt, diese kann man im Gelände schnell verlieren, man sollte sie also bei Gebrauch ganz abnehmen.
Lobenswert auch ein unter einer abschraubbaren Kappe verstecktes Stativadaptergewinde, das kriegen noch nicht mal die Hersteller von teueren Nobelgläsern hin.
Die optische Wiedergabe ist sehr gut, ein helles, klares randscharfes Bild überrascht den Benutzer. Lediglich im äußeren Randbereich treten schwache Unschärfen auf, die man aber im Gebrauch nicht bemerkt.
Auch gibt es kaum einen „Globuseffekt“ beim Schwenken des Glases. Die Fokussierung geht leicht und schnell, es dauert 1 ¾ Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag- könnte ein bisschen kürzer sein.
Allerdings bei dem von mir getesteten Glas komme ich nicht auf einen Nahfokuspunkt wie angegeben von 2 m, bei 2,80 m ist Schluss.
Auch das etwas kleinere Sehfeld von 90 m auf 1000 m ist etwas gewöhnungsbedürftig.
Aber wer auf die letzten beiden Kriterien nicht sonderlich wert legt, der wird für diesen Preis kein anderes Glas mit diesen Leistungsmerkmalen finden.
Insofern weist das „Omegon Fernglas Nature HD 10x42“ mit rund 300,- € ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis auf was ganz schwierig zu toppen sein dürfte.